Ein sehr nettes Gespräch durfte ich mit Roman Hocke führen. Herr Hocke hat langjährige Erfahrung in der Branche und arbeitet seit 1997 als Literaturagent und seit 2001 bei der AVA (www.ava-international.de) in München.

Was macht den Reiz am Beruf Lektor aus?
Es ist ein tolles Erlebnis, gute Geschichten zu entdecken. Die Herausforderung ist, den Autor mit seiner Geschichte so in ein Verlagsprogramm zu platzieren, dass er möglichst viele Leser erreicht.

Wie findet man aus der Flut von Manuskripten das richtige heraus?
Wir haben ein sehr ausgeklügeltes Filtersystem. Erst wird gesichtet und vorsortiert. Dabei fallen Manuskripte heraus, die nicht gut sind oder die nicht in unserem Bereich liegen. Kochbücher z. B. kann ich leider nicht beurteilen, weil ich davon nichts verstehe. Wir konzentrieren uns auf die Bereiche, von denen wir eine Ahnung haben.

Bekommen sie viele Manuskripte, die nicht in ihrem Bereich liegen?
Ja, z. B. Gedichte oder auch allerlei Lebenserinnerungen. Aber die Qualität der Einsendungen ist im Laufe der letzten Jahre sehr viel besser geworden. Sehr groß ist der Anteil an interessanten Autoren und Büchern geworden, die uns in den letzten Jahren erreichen. Die Autoren informieren sich offensichtlich besser und gehen zielgerichteter vor. Trotzdem bekommen wir immer noch eine große Anzahl Manuskripte von Leuten, die eher träumen, Schriftsteller zu sein, als dass sie tatsächlich Schriftsteller sind.

Was passiert nach der Filterung?
Nach Lektüre wollen wir den Autor kennenlernen. Was für eine Weltvorstellung hat er? Wie denkt er? Ist er so interessant wie sein Manuskript? Wir schauen, ob die Chemie stimmt. Erst dann unterbreiten wir ihm ein Vertragsangebot.

Also spielt die Persönlichkeit eine Rolle?
Die Innenwelt des Autors spielt sogar eine sehr wichtige Rolle. Wenn die Erzählungen eines Autors so interessant sind, dass ich ihm buchstäblich an den Lippen hänge, weil er so eine interessante Sicht auf die Welt hat, so ist das wunderbar. Ich muss einfach spüren, dass ihn ein spannendes Welterlebnis entflammt, das macht mich neugierig. Denn wenn es mich neugierig macht, dann macht es einen Verleger neugierig und damit auch die Vertreter und die Buchhändler, schlussendlich die Leser. Dieses Feuer muss man spüren, erleben. Es geht ja nicht nur um das Erzählen und dessen Sog, um Leser in den Bann einer Geschichte zu ziehen. Das ist neben Talent auch viel Technik nötig, zu einem guten Teil kann man das auch lernen. Es geht auch darum, ob die Welten, die da erzählt werden, auch bedeutungsvoll, ja im wahrsten Sinne des Wortes wertvoll sind. Welche Werte herrschen vor? Wie leben die Protagonisten diese Werte? Die Faszination für Welt und Werte können sie nicht nur an einem Manuskript feststellen, sondern verstärkt auch beim Menschen, der das Buch schreibt.

Zählt bei einer Manuskripteinsendung die Form? Ist ein Foto von Vorteil?
Die Form vermittelt einen ersten Eindruck. Wenn alles zu klein gedruckt ist, hat man schon keine Lust zu lesen, da muss man sich zu sehr konzentrieren. Es muss nicht 100%ig die Normseite sein, aber eine angenehme Lektüreform. Manuskripte müssen einfach lesefreundlich sein. Ein Porträtfoto unterstützt diesen ersten Eindruck, da man sich buchstäblich ein Bild von dem Autor machen kann, auch wenn nur ein sehr oberflächiges. Ein Autor sollte in einer Biografie auch ein wenig mehr von sich preisgeben als die nackten Lebensdaten. Was treibt ihn an? Wann hat er das Schreiben für sich entdeckt? Ist es ein plötzlich neu eingetretenes Bedürfnis oder hat er/sie als Kind schon geschrieben oder ist es da ein Talent, das sogar in der Familie, in den Genen liegt? Was ist das, was sich da Luft verschaffen muss? Das sind für mich alles wichtige Informationen – wie professionell ein Autor schreibt, ob es nur aus einer Laune heraus entsteht oder ob es ihm ein Bedürfnis ist, das in ihm angelegt ist und heraus muss. Das sind ganz wichtige und entscheidende Kriterien.

Wie wichtig ist es, ein kurzes Exposé abzugeben?
Normalerweise ist es ganz gut, wenn man mit einem Kurztext auf einer halben Seite sagt, worum es in der Geschichte geht. Das kann durchaus in Form eines Werbetextes geschehen. Daran kann ich erkennen, ob die Geschichte mich neugierig macht oder nicht, oder ob es diese Art von Geschichte auf dem Markt schon gibt. Wir bekommen z. B. immer noch sehr viele Manuskripte mit Vampiren. Diese Autoren haben nach all der Bücherflut keine wirkliche Chance mehr. Mir geht es darum, einen Geschmack auf die Geschichte zu bekommen, eine kleine Vorstellung, um zu sehen, ob sie mich reizt. Wenn das der Fall ist, wünsche ich mir ein ausführliches Exposé, um zu sehen, wie sich die Architektur einer Geschichte zusammensetzt und wie kunstvoll sie aufgebaut ist. Und schließlich bedarf es noch einer Leseprobe, um den Tonfall der Erzählung, die Erzählhaltung einschätzen zu können. Und was ich noch dringend brauche, ist Zeit, denn – was viele Autoren nicht wahrhaben wollen: Lesen bedarf Zeit. Es gibt Autoren, stellen Sie sich vor, die kommen auf die Messe, legen ihr Manuskript vor und fragen, ob man “mal eben schnell“ lesen kann. Wenn man ein Manuskript jedoch anständig lesen will, braucht das viele Stunden.

Was passiert bei einem Vertrag mit ihnen? Was passiert mit dem Manuskript? Wird es lektoriert?
Nach Abschluss eines Vertrages entwickeln wir gemeinsam mit dem Autor eine Editionsstrategie und dann arbeiten wir an der Optimierung des Manuskriptes. Erst einmal müssen wir feststellen, welchen Markt die Geschichte haben könnte, ob als historischer Roman oder als Familiensage. Dann wird in enger Zusammenarbeit mit dem Autor die Geschichte optimiert, damit sie nicht nur auf das richtige verkäuferische Gleis gestellt werden kann, sondern vor allem um die Geschichte noch mal origineller, dichter zu  gestalten, noch einen Dreh spannender, damit der Leser staunen und erleben kann. Dann bereiten wir unsere Präsentationsunterlagen vor, bestehend aus Kurztext, Exposé, einer Leseprobe und Angaben zu dem Autor. Anschließend beginnt die Akquisitionsphase …

Lektorieren sie das komplette Manuskript?
Wir machen ein dramaturgisches Lektorat, kein redaktionelles. Wir weisen den Autor zwar auch auf stilistische Probleme hin, auf schiefe Bilder und unstimmige Logik, raten auch, das Rechtschreibprogramm über den Text laufen zu lassen. Die Geschichte ist wie ein Gebäude, das sich im Bau befindet. Bei der Konstruktion wirken wir ein, sagen: Stärke den Pfeiler oder stütze diese Wand ab, damit es einfach von der Architektur her stimmig und kraftvoll wird.

Wie lange dauert der Prozess, bis es dann an die Verlage geht?
Das hängt von dem jeweiligen Autor ab und kann ein halbes Jahr oder ein Jahr dauern, manchmal nur 3 Monate. Das liegt daran, ob beispielsweise der Autor einen Beruf hat. Da wirken viele Faktoren ein.

Wie bekommt man das Gespür für Trends?
Trends kann man nicht bedienen. Sie entstehen. Entweder sie sind mit dabei oder nicht. Wenn man sich den Trend erst bewusst macht und ihn erkennt, ist er im Grunde schon wieder vorbei.

Also ist es Glück, ob man den Trend trifft?
Immer. Das ganze Leben besteht aus viel Einsatz und Glück.

Schlagen sie den Autoren auch vor: Mach doch mal so was, damit könnte es klappen?
Ein Stoff muss immer aus der Innenwelt des Autor kommen. Etwas aufsetzen geht immer schief.

 

Vielen Dank, dass sie sich Zeit genommen und sich den Fragen gestellt haben. Es war sehr interessant und aufschlussreich.


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Interview mit der Literaturagentur AVA, 6.0 out of 6 based on 7 ratings Abonnieren Sie Aisling Breith per E-Mail