Ein ganz tolles Gespräch durfte ich mit Franka Zastrow von der Agentur Schlück führen. Frau Zastrow war zuvor jahrelang bei der Agentur Meller beschäftigt. Die Agentur Schlück ist sehr bekannt und vertritt zahlreiche namenhafte Autoren.

FrankaZastrowWas macht den Reiz aus an dem Beruf Literaturagentin aus, und wie wird man Agentin?
Mein Werdegang war so: Ich habe Englisch und Französisch studiert, eigentlich auf Lehramt. Bücher waren schon immer meine Leidenschaft. Am Ende des Studiums war mit meiner Fächerkombination die Einstellungssituation nicht einfach, und es stellte sich die Frage, ob ich mir auch was anderes vorstellen könnte. Dann habe ich von einem Aufbaustaudiengang erfahren: Buchwissenschaft an der LMU München ­­– ein einjähriger sehr praktisch ausgerichteter Kurs, der von Menschen aus dem Verlagswesen gestaltet und begleitet wurde. Dabei erfuhr ich auch über den Beruf des Agenten, und meine Neugier war geweckt. Ich habe mich dann um ein Praktikum in der Agentur Michael Meller bemüht und hatte das Glück, danach als Agentin dort arbeiten zu können.

Andere Agenten haben andere Laufbahnen, sind vielleicht nach einer Lektorenkarriere  aus einem Verlag ausgestiegen, waren Buchhändler oder Übersetzer mit Kontakten ins Ausland. Unser Firmengründer Thomas Schlück ist von Hause aus  Bankkaufmann, hat sich dann als Übersetzer selbstständig gemacht, und aus den Kontakten zu Autoren, ausländischen und deutschen Verlagen entstand dann vor 40 Jahren die Agentur.  Es gibt also die unterschiedlichsten Wege hin zu unserem Beruf – einen traditionellen Ausbildungsgang gibt es bislang nicht.

Aufgrund ihre langjährigen Erfahrung auch bei der Agentur Meller: Arbeiten Agenturen unterschiedlich?
Im Großen und Ganzen arbeitet man sehr ähnlich. Es gibt hier und da Unterschiede, was aber dann an den Größenverhältnissen oder an den inneren Strukturen der Agentur liegt. Wir haben z.B. eine separate Vertragsabteilung, in anderen Agenturen ist das anders geregelt.

Die grundsätzlichen Arbeitsfelder und Aufgaben wie Autorenbetreuung und Textarbeit sind jedoch gleich. Auch die Agenturvereinbarungen sind meist sehr ähnlich – wie z. B. die Regelung zur Provisionsbeteiligung im Erfolgsfall.

Wie bewältigen Sie  unverlangte Manuskripte?
Als Erstes guckt man natürlich auf die Form. Ein ordentliches Anschreiben, wo mein Name richtig geschrieben wird, ist schon mal wunderbar. Der freundliche, stilistisch einwandfreie Brief ist ein Türöffner. Ein Allerweltsschreiben oder eine Rundmail mag ich nicht. Es ist wie eine Bewerbung bei einem Arbeitgeber. Ein Autor muss sich gut überlegen, wie er in der Welt draußen wahrgenommen werden soll, und auch bei einer Mail müssen gewisse Formalitäten eingehalten werden. Stimmt der erste Eindruck, gucke ich auch immer auf  die Vita oder Bibliografie, und dann springe ich schon zum Exposé.

Das Aussieben findet dann relativ schnell statt. Man hat sich das über die Jahre angeeignet. Wir prüfen auch auf Genretreue. Wenn jemand einen Liebesroman schreiben möchte, soll es das auch sein. Zudem muss mich die Geschichte einfach überzeugen. Da muss eine Stimme, eine Geschichte zu sehen sein. Eine Leseprobe von 50 bis 100 Seiten nehme ich mit nach Hause und lese das auf dem E-book–Reader.

Lesen sie die Probe auch zu Ende oder fällen sie ihr Urteil schon nach den ersten Seiten?
Ich merke schon nach den ersten Seiten, ob mich der Stoff interessiert. Das geht dem Leser im Buchladen sicher nicht anders. Der liest die Rückseite, findet das Cover schön und den Titel interessant. Dann liest er mal rein, und wenn die ersten drei vier Seiten gut sind, springt er vielleicht noch mal ein paar Seiten weiter, und wenn dann noch kein Funke da war, kauft er es nicht. Das ist beim Manuskript ganz genau so. Ich könnte es mir auch zeitlich nicht leisten. Die ersten fünf bis zehn Seiten sind da entscheidend.

Gibt es grundsätzlich eine Standardabsage?
80–90 % der Fälle erhalten von mir eine standardisierte Absage. Wenn man bereits einen längeren telefonischen oder Mail-Kontakt aufgebaut hatte, und ich das Gefühl habe, da ist jemand schon auf dem richtigen Weg oder hat eine tolle Idee, spreche ich auch gelegentlich am Telefon über meine Bewegründe zur Absage. Wenn eine Idee gut ist, aber einfach zu spät, weil es der Markt nicht verlangt, begründe ich das auch, oder ich schreibe in paar Sätze mehr. Es sind Mengen an Einsendungen zu bewältigen, und es ist auch oft bitter, wenn man Absagen verschicken muss. Manchmal entscheide ich aus dem Bauch heraus, ob ich etwas zu einem abgelehnten Manuskript sage.

Ist es sinnig vorher per Mail oder Telefon anzufragen, ob das Thema interessiert?
Das ist unterschiedlich. Ich telefoniere sehr gerne, und da kann ein nettes Telefonat schon hilfreich sein bei der Anbahnung. Das geht zwar nicht immer, gerade im Vormessestress muss ich auf eine Email verweisen. Man tut sich auch manchmal schwer, wenn man einen Anrufer hat, der wirklich minutiös seine gesamte Geschichte erzählen möchte. Natürlich kann ich nicht viel dazu sagen, wenn ich keine Seite gelesen habe. Wünschenswert ist es, wenn Autoren ihre Geschichte in ein paar Sätzen zusammenfassen  können. Ein Tipp für Autoren: Bevor man schreibt, überlegen was man schreiben will. Nicht nachschreiben, aber wissen, in welchen Bereich man sich bewegen möchte. Was würde ich gerne schreiben? Sich das Genre sehr bewusst machen. Sich disziplinieren, was den Inhalt angeht. Das kann man dann auch in vier bis fünf Sätzen wiedergeben wie z.B.: Ich habe einen Frauenroman geschrieben, die Zielgruppe ist 25+, die Heldin ist kurz vor dem 30. Geburtstag, und sie stellt fest, da sind 17 Dinge auf ihrer Liste, die sie bis zum 30. erleben wollte noch unerledigt. Jetzt macht sie sich daran die Liste abzuarbeiten. Mit vielen Höhen und Tiefen, Abenteuer, und dabei läuft  ihr auch noch der richtige Mann über den Weg

Es ist nicht jedermanns Sache, das zusammenzufassen, aber man kann es üben. Und wie bei einem Vorstellungsgespräch, wo man nach seiner Qualifikation gefragt wird, so gilt auch hier:  Was zeichnet diesen Text aus? Was macht ihn besser als andere? Da können Autoren noch sehr viel an sich arbeiten. Ich verstehe eine gewisse Scheu an die Öffentlichkeit zu treten mit seinem ganz eigenen Werk, mit dem man nun zwei Jahre allein zusammen verbracht hat. Aber der Autor hat sich dabei was gedacht und möchte, dass es jemand da draußen lesen soll. Dann muss er sich auch die Mühe machen, die richtige Verpackung drum herum zu finden. Ich lese eine originelle nette Mail lieber als „Sehr geehrte Damen und Herren“. Wenn alles passt, und ich sehe, da ist eine Autorin, die auch kritisch mit sich selbst ist, ist das toll. Es bringt nichts, als Autor zu sagen, der Text ist perfekt und muss genau so vom Verlag gedruckt werden. Es gibt einen Austausch mit mir und dem Lektor, dessen muss man sich bewusst sein. Es braucht schon Selbstbewusstsein aber auch Kritikfähigkeit. Der Autor soll wissen: Die Agentin kann mir helfen da draußen wahrgenommen zu werden und hat auch dementsprechende Erfahrung, und deshalb höre ich auf sie, und helfe mit, da draußen meinen Weg zu finden.

Bei erfolgreichem Vertrag: Was passiert mit dem Manuskript bevor es an den Verlag geht?
Das kommt darauf an, in welchem Stadium das Manuskript bei uns ankommt. Ist da nur Idee und Leseprobe, ist es der Erstling oder wurde schon veröffentlicht? Hier durchlaufen wir mit dem Autor unterschiedliche Arbeitsphasen. Manchmal fängt man auch bei der Form an, und zeigt dem Autor, wie er den Text besser formatieren kann.

Wenn in meinen Augen ein Text vorzeigbar ist, dann schlage ich diesen Lektoren am Telefon, bei persönlichen Gesprächen oder per E-mail vor. Dabei lege ich großen Wert darauf, den Text und seinen Autor aussagekräftig vorzustellen, und ich begründe auch meist, warum ich denke, dass es bei dem bestimmten Verlag gut passt.

Dann fängt natürlich das Warten an, aber wir haken auch schon mal nach, um den Autoren Feedback zu geben. Wer hat schon abgesagt, von wem können wir bald eine Antwort erwarten und wer hat es noch nicht gelesen.

Haben sie auch schon mal ein Manuskript abgelehnt, was bei einem Verlag dann doch ein „dicker Fisch“ wurde?
Ein „dicker Fisch“ nicht, aber eine „Kaulquappe“. Mir ist auch schon passiert, dass ich eine Autorin während meiner Zeit bei Meller abgelehnt habe, die dann bei Schlück angenommen wurde. Jetzt sind wir wieder in einer Familie. Aber ich bereue meine Entscheidungen nicht. Es gab immer Gründe dafür, die waren zu einem bestimmten Zeitpunkt berechtigt. Das geht wohl jedem Agenten so.

Ich habe es mit einem Sachbuch erlebt, was ich spannend fand, aber schwierig zu vermitteln, und ich habe es abgelehnt. Als ich dann eines Abends „Titel, Themen, Temperamente“ mit meinem Mann geschaut habe, hielt der Moderator plötzlich dieses Buch in die Kamera. Da denkt man schon: „Oh ne, das hab ich abgelehnt!“

Es ist sicher auch Geschmackssache!
Ja, das ist es, und wenn Sie eine Absage bekommen, heißt das nicht, dass ein anderer Lektor/Agent das Manuskript nicht gut findet. Es ist wie mit einem Film im Kino: Sie selbst finden ihn total gut, und ihr Freund findet ihn schlecht. Die Meinung ist oft subjektiv. Eine eigene Lesefreude ist schon Voraussetzung. Gepaart mit dem Blick auf den Markt lässt sich so der Text einschätzen. Selbst wenn ich einen Roman schön finde, muss ich ihn verkaufen können, und wenn da ein Genre bedient wird, was gerade nicht so gut geht, hilft alles nichts.

Lohnt es sich dann, zu einem späteren Zeitpunkt sich mit seinem Manuskript noch mal zu bewerben? Erinnert man sich als Agent überhaupt an jede Einsendung?
Schon. Das kommt aber von Fall zu Fall darauf an. Manche Autoren fragen, ob sie noch mal überarbeiten können. Es lohnt sich auch immer mehrere Agenturen gleichzeitig anzusprechen, wobei man das natürlich erwähnen sollte, dass man sich auch anderweitig bewirbt. Das ist vollkommen legitim, denn so eine Prüfung dauert ja meist  mehrere Wochen. Falls sich der Autor in der Zwischenzeit für eine andere Agentur entschieden hat, möchten wir das allerdings gerne wissen, damit wir nicht unnötig Zeit investieren.

Sollte man ein Foto beifügen?
Ich finde das immer nett, aber es beeinflusst mich nicht Es ist einfach eine schöne Ergänzung.

Wo geht der Trend hin? Wie planen Sie?
Wir planen zwei – drei Jahre im Voraus und kennen die Verkaufszahlen unserer Autoren. Man überlegt gemeinsam, wo die Reise hingeht. Natürlich sind wir darauf bedacht, den Autor langfristig weiterhin zu vermitteln. Spannung wird immer gesucht. Im Jugendbuchbereich wird es wieder realistischer. Im Frauengenre erotischer. Es ist schwer, in die Zukunft zu schauen. Man guckt schon, was läuft momentan gut und was ist ausgereizt. Wir schlagen unseren Autoren auch Richtungen vor, spüren nach, wo seine Talente liegen Dabei soll er nicht verbogen werden, er muss sich schon damit wohlfühlen.

Es scheint ein hartes Geschäft zu sein.
Es ist schwierig, aber eine wunderbare Aufgabe. Ein Hobby und eine Leidenschaft – das Lesen und die Bücher. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen. Es ist immer wieder spannend zu erleben, wie aus einer kleinen Idee, die man vielleicht mitentwickelt hat, ein Buch wird, das dann in der Buchhandlung liegt.

Vielen Dank für dieses tolle Interview und die Zeit, die Sie sich genommen haben Frau Zastrow.

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Interview mit Franka Zastrow von der literarischen Agentur Thomas Schlück, 5.9 out of 6 based on 9 ratings Abonnieren Sie Aisling Breith per E-Mail