Autor: Johanna Rosen

Erscheinungsdatum: 01. Juni 2013

ISBN-13: 978-3401068046

Verlag: Arena

Gebundene Ausgabe: 375 Seiten

Klappentext:

 

Die Geschichte von Libery Bell und Ernesto wurde uns auf der Leipziger Buchmesse im März von Arena vorgestellt und hat mich neugierig gemacht. Das Buch wurde von einer der renommiertesten, deutschen Autorinnen unter Pseudonym geschrieben, die mit diesem Roman ein neues Genre ausprobieren möchte.

Es ging mal nicht um eine dieser fantastisch angehauchten Liebesgeschichten, wie man sie in den letzten Monaten zuhauf gelesen und gesehen hat. Sondern sie spiegelt den neuen Trend von sogenannten „Contemporary“-Texten (realen Geschichten) wieder. Ich habe mich also auf eine reale Geschichte mit zarter Liebe eingestellt. Umso überraschter war ich über die Wendungen des Buches.

Erster Satz: Eine frühsommerliche Hitze lag über der Stadt.

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Idee
Plot
Schreibstil
Charaktere
Hintergrund
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Idee: Wenn man den Klappentext und auch die Zusammenfassung vom Einband liest, erwartet man eine ‚zarte Liebesgeschichte‘ zwischen einem Jungen und einem Mädchen, das fernab von Zivilisation aufgewachsen ist. Alleine diese Idee bietet genug Stoff und Spannung, um damit einen Jugendroman zu füllen. Aber daraus einen Thriller zu stricken, der an Verwirrungen und Verstrickungen nur so strotz, macht das Ganze noch mal eine Nummer interessanter, vielschichtiger und tiefer.

Als uns Arena den Text im März vorstellte, dachte ich in der ersten Sekunde an den Film „Nell“ bei dem ebenfalls ein Mädchen in den Wäldern gefunden und in die Zivilisation gebracht wird. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das vielleicht ein kleines Bisschen als Ideengrundstein der Autorin gedient hat.

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Direkt zu Beginn der Geschichte, noch bevor Kapitel Eins anfängt, liest man zwei Rückblenden von verschiedenen Situationen an unterschiedlichen Orten. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte bringt die Autorin diese Rückblenden, die jeweils nicht aus Sicht vom Erzähler, sondern entweder aus der Sicht des Täters oder des Opfers erzählt werden. Diese Rückblenden sind sehr „entrückt“ erzählt, sodass man am Anfang gar nicht recht versteht, was diese Rückblende zu bedeuten hat. Erst am Ende der jeweiligen Szene wird einem (meist mit nur einem Satz) klar, was da gerade passiert ist.

Plot: Ernesto und seine Freunde fahren in den Wald, um ein Mädchen, was einer der Jungs durch Zufall „entdeckt“ und beim Nacktbaden gefilmt hat, zu suchen. Sie finden sie, verschwinden aber wieder, als sie sehen, wie es eine Art Bisamratte tötet und häutet.

Ernesto kann das Mädchen aus dem Wald aber nicht vergessen und fährt ein zweites Mal hin. Dort angekommen findet er nicht nur Liberty Bell, sondern auch einen seiner Kumpels (Jaden) mit seinem Cousin, die sie in die Ecke drängen und dabei filmen. Es kommt zu einem Unfall, bei dem Liberty Bell den Cousin schwer verletzt und flüchtet. Nachdem Ernesto die Nacht bei ihr im Wald verbracht hat, um es nicht alleine zu lassen, werden sie „Dank“ des verletzten Cousins gefunden. Liberty Bell wird in das örtliche Krankenhaus gebracht und unterliegt fortan ständiger Überwachung. Kaum ist das Mädchen in der Stadt, geschieht ein blutrünstiger Mord an einem alten Mann. Kurz darauf stirbt Ernestos Kumpel Jaden bei einem Unfall…

Und plötzlich steht man mit beiden Beinen in einem waschechten Thriller, bei dem man sich immer wieder fragt, welcher der braven Bürger des Städtchens ist nun der Mörder beziehungsweise Täter.

Mit der Erwartung einer zarten Liebesgeschichte bin ich in das Buch gestartet, die man auch im Grunde bekommt, aber dazu noch eine Hintergrundgeschichte, die verworrener nicht sein kann. Im Laufe des Buches nimmt der Fokus auf die Liebesgeschichte zwischen Liberty Bell und Ernesto immer mehr ab, um viel mehr auf den Grund, Warum sich Liberty Bell überhaupt im Wald aufgehalten hat, zu schwenken.

Im ersten Moment war ich enttäuscht, aber dann wollte ich wissen, warum plötzlich Charaktere starben, die offensichtlich nicht in näherer Verbindung mit der Hauptprotagonistin standen.

Und alles lässt sich auf die beiden Rückblenden zu Beginn des Buches zurückführen.

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Rückblenden zu Beginn des Buches: Die hingebungsvollen, verliebten Gedanken eines pädophilen Vergewaltigers (wie allerdings erst am Ende der Rückblende klar wird) und die rauschartigen Gedanken einer Frau, die neben einem Kind liegt, das stirbt (was ebenfalls erst am Ende der Rückblende klar wird).

Schreibstil: Erzählt wird aus der Sicht von Ernesto, mal etwas anderes (und Erfrischendes), als immer nur aus der Sicht einer starken Heldin zu lesen. D.h. Liberty Bell lernt man nur durch Ernestos Erzählungen kennen und man befindet sich (fast ausschließlich) im Kopf des Helden. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich mich in die Geschichte eingefunden hatte. Vor allem die Dialoge sind sehr umgangssprachlich geschrieben, sodass ich einige Sätze doppelt lesen musste. Die einzige Erklärung, die ich mir selbst dafür geben kann, ist die, dass aus der Sicht des männlichen Protagonisten erzählt wird, und Jungs immer anders ‚erzählen‘ (cooler, selbstsicherer usw.) als Mädchen. Das ist mir damals auch schon in ‚Unschuld‘ von Usch Luhn aufgefallen, da war auch aus der Sicht des männlichen Protagonisten erzählt. Ich finde diese Art der „Sprache“ immer sehr schwierig, denn es verlangsamt den Lesefluss und ermüdet. Ich mag eine flüssige Schreibe, die sich gut runterlesen lässt, ohne ins Stocken zu geraten. Aber vielleicht braucht man gerade diese, um die Jugendlichen zuerreichen – um anzudocken.

Charaktere: Die Autorin schmeißt Charakter um Charakter in die Geschichte, dass ich von Anfang an den Überblick verloren habe. Selbst jetzt, beim anschließenden Resümee, kann ich nicht mehr sagen, wer alles dabei war, und welche Rolle der oder diejenige gespielt hat (oder ob er oder sie überhaupt eine Rolle hatte). Ich gehe sogar soweit zu behaupten, ein oder zwei Charaktere weniger, hätten der ganzen Geschichte keinen Abbruch getan und würden den Leser nicht so überfordern. Leider führt genau diese Charaktervielfalt dazu, dass sämtliche Nebencharaktere sehr blass erscheinen und sich nicht (außer durch Namen) voneinander unterscheiden. Was bei mir zum Schluss dazu geführt hat, dass es mir „egal“ war, wer da gerade gesprochen hat, weil ich sie sowieso nicht auseinanderhalten konnte.

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Zum Beispiel hat Ernesto 5 Freunde. Ronan, Salvadors, Jaden, Darayavahush und Mose. Für mich gefühlte zwei Jungs zu viel. Dazu nochmal fünf Mädchen (die aber erst im späteren Verlauf der Geschichte dazukommen und nur eine (Sally) einen wirklichen Teil zur Geschichte beiträgt.

Zu der ganzen Charaktervielfalt kommen dann noch die verschiedenen Orte hinzu. Es gibt zwei Restaurants/Bars, ein Krankenhaus, diverse Jungenzimmer, Häuser und andere Schauplätze, bei denen man aber soweit gut mitkam.

Ernesto, der Hauptprotagonist, ist siebzehn und einziger Sohn des plastischen (halb querschnittsgelähmten) Chirurgen des Ortes. Er hat die Schule fast beendet und soll ab dem Herbst (wie nicht anders zu erwarten) Medizin studieren. Auch jetzt im Nachhinein kann ich nicht wirklich sagen, wie Ernesto „ist“. Sobald es aber um Liberty Bell geht, kämpft er für sie und will sie beschützen. Er fühlt sich für sie verantwortlich, was ihn sehr sympathisch macht.

Liberty Bell ist das Mädchen aus dem Wald. Man lernt sie nur durch ihre Reaktionen und das, was Ernesto über sie denkt, kennen. Das machte es mir als Leserin sehr schwer, mich mit ihr zu identifizieren oder sie „zu verstehen“. Sie ist mutig und entschlossen und lässt sich nicht kleinkriegen. Etwas, was ich sehr an ihr mochte.

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Ich fand Liberty Bells Eingewöhnung in die neue Umgebung zu schnell. Sie wird vom Wald in die Zivilisation gebracht und bereits wenige Tage später fährt sie Auto und nimmt alles als „selbstverständlich“ hin. Sie stellt zwar Fragen, und ist neugierig, aber stellenweise fand ich das zu wenig. Auch fand ich es seltsam, dass sie Ernesto gegenüber nicht scheuer gewesen ist. Schließlich hat ihre Mutter ihr beigebracht, das Männer „böse“ sind.

Auch Ernestos Einstellung gegenüber seiner Familie finde ich seltsam. Es wird war alles als kühl und unterkühlt bezeichnet, aber als Sohn (mega)reicher Eltern sollte er entweder eine richtige ‚Scheissegal‘-Einstellung haben, oder etwas mehr Interesse zeigen, zumal er sich nicht als der widerspenstige, aufsässige reiche Chirurgensohn darstellt, dem langweilig ist und der nicht weiß, was er mit seiner Freizeit anstellen soll. Stattdessen wird nur berichtet, dass er selten mit seinem Vater spricht (weil er viel arbeitet) und noch weniger mit seiner Mutter. Das ist in meinen Augen ein wenig dünn.

Über den Antagonisten will ich nichts schreiben, denn wenn ich das täte, müsste ich nur spoilern und das würde doch ziemlich viel der Spannung rausnehmen. Nur so viel: Bis zum Schluss ist nicht klar, wer der Täter ist.

Hintergrund: Ich mag gut durchdachte, stimmige Geschichten und Hintergründe.

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Ein pädophiler Kinderschänder in Oregon, der sich an einem zehnjährigen Mädchen vergehen will. Eine Frau in Kalifornien, die sich in einem Rausch befindet und nicht mitbekommt, dass neben ihr ein Kind stirbt.

Zwei Situationen, die unterschiedlicher nicht sein können und doch unmittelbar miteinander verknüpft sind. 21 Jahre später wird in Oregon ein 17-jähriges junges Mädchen im Wald gefunden und in die Zivilisation gebracht. Was folgt, ist ein toter Vietnamveteran, der auf den ersten Blick so gar nichts mit dem Ereignis zu tun hat. Erst langsam, Schritt für Schritt wird klar, was damals ,1991, wirklich passiert ist.

Ganz ehrlich: Thriller sind nicht mein Genre.

Genauso wie bei Filmen, mag ich „Hollywood“-Geschichten, die einfach „schön“ sind und mich mit einem Lächeln das Buch am Ende weglegen lassen. Bei Thrillern habe ich nicht dieses Gefühl, eher das Gegenteil ist der Fall. Bei Thrillern wird man mit „kranken Köpfen“ konfrontiert, die es durchaus auch in der Realität geben kann. Ich frage mich auch immer wieder, wie man sich als Autor eine solche Geschichte einfallen lassen kann, denn gerade bei Thrillern steht und fällt die Geschichte mit einem „perfekt bösen“ Antagonisten. Und weil ich einfach die heile, schöne Welt mag, gibts bei mir auch selten so „perfekt böse“ Charaktere.

In dieser Geschichte haben wir einen „perfekt bösen“ Antagonist, der mir einen Schauer nach dem Nächsten über den Rücken laufen lässt. Das macht einen guten Thriller aus – das macht ‚Liberty Bell – Das Mädchen aus dem Wald‘ aus.

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Ich habe mich jedoch gefragt, warum die Autorin die Geschichte in den USA spielen lässt. Bei den vielen Interviews, die wir geführt haben, war heraus zuhören, dass das Setting zur Geschichte passen muss. Und was spricht dagegen, ein kleines verschlafenes Nest irgendwo im Schwarzwald oder in Bayern zu nehmen? Oder ist es deshalb USA geworden, weil das soweit weg liegt und so die Realität von Deutschland fernhält? – Frei nach dem Motto – bei uns in Deutschland gib es so was nicht.

Außerdem sind für mich einige Fragen nicht gelöst worden. Wie ist Libby zu Annie gekommen? Wo hat sich Ruby all die Jahre aufgehalten? Was genau hatte Flavio mit allem zu tun? Es wird zwar klar, warum der Antagonist tut was er tut, aber auch hier ist mir die ein oder andere Verstrickung zu viel eingebaut.  

Fazit: Ein absolutes Überraschungsei. Es täuscht durch einen plätschernden Anfang, um dann mit einem blutigen und spannenden Ende zu enden. Dazwischen gibt es, viel Spannung, ganz viel Rätsel, eine Menge Blut und eine zarte Liebe.

Wer also nach einer rosa-roten Liebesgeschichte sucht, sollte einen großen Bogen um ‚Liberty Bell‘ machen, denn das ist nichts für das schwache, liebesgeschichtenhungrige Mädchen (oder auch Jungen). ‚Libery Bell – Das Mädchen aus den Wäldern‘ ist ein Jugendthriller mit ganz vielen kaputten Charakteren und einem (in meinen Augen) ziemlich pervers, kranken Antagonisten.

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Liberty Bell – Das Mädchen aus den Wäldern, 4.0 out of 6 based on 1 rating Abonnieren Sie Aisling Breith per E-Mail